Was für ein Saisonabschluss! Mit einem Rumpfteam, ohne etatmäßigen Quarterback und bei extremer Hitze hat der Landsberg X-PRESS am Samstag beim haushohen Favoriten Nürnberg Rams für eine kleine Sensation gesorgt. Die X-MEN gewannen einen unglaublichen Football-Krimi mit 21:20 (7:6, 7:0, 0:8, 7:6).
David gegen Goliath
Eigentlich standen die Vorzeichen für die Landsberger denkbar schlecht. Das Nachholspiel am 8. August fand zu einem Zeitpunkt statt, an dem die Saison ursprünglich längst beendet gewesen wäre. Viele Spieler hatten deshalb ihren Urlaub bereits gebucht, darunter auch die beiden Quarterbacks Lukas Saurwein und Jan Roller. „Viele Leute hatten Urlaub, weil die Saison eigentlich schon offiziell vorbei gewesen wäre“, erklärte Hannes Haug später. Entsprechend dünn war der Kader, einige ehemalige oder zuletzt kaum eingesetzte Spieler mussten noch einmal reaktiviert werden. Hinzu kam, dass es tabellarisch für beide Mannschaften um nicht mehr allzu viel ging. Nürnberg gehörte zur Spitzengruppe, der X-PRESS hatte seinen Platz im Mittelfeld sicher. Trotzdem schenkten sich beide Teams nichts und lieferten sich bei Temperaturen deutlich über 30 Grad einen Kampf bis zur letzten Sekunde. Auf dem Papier war die Rollenverteilung eindeutig: David gegen Goliath. Doch es sollte ganz anders kommen.
Hannes Haug übernimmt als Quarterback
Da Saurwein und Roller fehlten, musste Wide Receiver Hannes Haug als Quarterback einspringen. Keine einfache Aufgabe, wie er nach dem Spiel zugab: Es sei schwierig gewesen, sich auf dieser Position zurechtzufinden, denn als Quarterback müsse man das gesamte Spiel überblicken. Umso größer sei sein Respekt vor Saurwein und Roller, der während der Saison ebenfalls eingesprungen war, als Saurwein verletzt fehlte. Von Nervosität war Haug auf dem Feld zunächst allerdings wenig zu spüren. Schon im ersten Viertel bediente er Bryant Hayes, der den Ball zum Touchdown in der Endzone aus der Luft pflückte. Die Rams hatten an diesem Nachmittag ein Problem mit ihren Extrapunkten, auf Landsberger Seite dagegen stand mit Leon Bülow ein absolut sicherer Kicker. Sein erster PAT saß und zu Beginn des zweiten Viertels führte der X-PRESS plötzlich mit 7:6.
Doch damit nicht genug. Die X-MEN spielten weiter mutig nach vorne und kurz vor der Nürnberger Endzone übernahm Hayes selbst die Rolle des Quarterbacks. Mit einem Lauf brachte er den Ball zum nächsten Touchdown über die Linie, Bülow verwandelte erneut sicher und plötzlich stand es 14:6 für die Gäste. Ein Ergebnis, mit dem vor dem Spiel wohl kaum jemand gerechnet hatte. Mit dieser Führung ging es in die Halbzeit – und spätestens jetzt stellte sich die Frage, wie lange die Kräfte des kleinen Landsberger Kaders reichen würden. Hayes und einige seiner Mitspieler standen praktisch dauerhaft auf dem Feld, egal ob in Offense, Defense oder Special Teams.
Die Rams kommen zurück
Nach der Pause erhöhten die Rams erwartungsgemäß den Druck. Nürnberg verkürzte auf 12:14 und entschied sich nach den Problemen mit den Extrapunkten für eine Two-Point-Conversion, die zum 14:14-Ausgleich führte. Kurz darauf verlor der X-PRESS den Ball durch eine Interception, doch die Landsberger Defense antwortete umgehend. Hayes fing seinerseits einen Pass des Nürnberger Quarterbacks ab und stoppte damit den nächsten Drive der Gastgeber. Offense und Defense der X-MEN warfen bei der enormen Hitze alles in die Waagschale, und immer wieder sprangen Spieler in Rollen, die sie normalerweise kaum oder gar nicht ausfüllten.
Eine der schönsten Geschichten dieses Spiels schrieb dabei Sascha Wein. Der 54-Jährige war eigentlich nur mitgereist, um den ohnehin knappen Kader zu verstärken, und hatte selbst nicht mit großer Einsatzzeit gerechnet. Doch dann stand er beim Onside-Kick der Rams genau richtig und sicherte den Ball für Landsberg. Wein sprach hinterher von einem „unglaublich krassen“ Erlebnis. Besonders beeindruckt habe ihn, welche Energie dieses Rumpfteam entwickelt habe, wie Haug als Quarterback auftrat und wie jeder Spieler trotz Temperaturen von über 30 Grad alles gegeben habe. Irgendwann habe man auf dem Feld gespürt: „Das ist unser Spiel.“
Hayes und Bülow drehen das Spiel
Trotzdem schien das Pendel kurz vor Schluss doch noch in Richtung Nürnberg auszuschlagen. Die Rams gingen mit 20:14 in Führung, vergaben anschließend jedoch erneut den Extrapunkt – ein Fehler, der noch folgenschwer werden sollte. Noch rund zweieinhalb Minuten standen auf der Uhr und die Frage war, ob die völlig ausgepumpten X-MEN noch einmal zurückschlagen konnten. Die Antwort gab erneut Bryant Hayes: Mit einem spektakulären Lauf über rund 70 Yards marschierte er bis in die Endzone und sorgte für den 20:20-Ausgleich.
Nun lag die Verantwortung bei Leon Bülow. Während Nürnberg an diesem Tag mehrfach am Extrapunkt gescheitert war, hatte der Landsberger Kicker bislang keinen PAT vergeben. Auch diesmal behielt er die Nerven und verwandelte sicher zum 21:20. Plötzlich führte der X-PRESS – doch noch waren 2:10 Minuten zu spielen und die Rams verfügten über drei Timeouts. Genügend Zeit also, um sich zumindest noch in Field-Goal-Reichweite zu bringen.
Die Defense macht die Sensation perfekt
Jetzt musste die Landsberger Defense ein letztes Mal alles mobilisieren. Bülow, Maximilian Kieß und Jan-Niclas Wengenmaier setzten den Nürnberger Quarterback massiv unter Druck und sorgten mit wichtigen Sacks dafür, dass die Rams kaum Raumgewinn erzielten und ihre Timeouts aufbrauchen mussten. Bei noch 1:04 Minuten auf der Uhr war Nürnberg schließlich ohne Auszeit und stand vor dem entscheidenden vierten Versuch. Der Pass musste ankommen, doch er landete unvollständig auf dem Boden.
Damit war die Sensation perfekt. Die X-MEN hatten mit einem Rumpfkader, ohne etatmäßigen Quarterback und bei extremer Hitze tatsächlich den Favoriten aus Nürnberg mit 21:20 geschlagen. Hannes Haug hob nach der Partie vor allem den Einsatz der verbliebenen Stammspieler hervor: Die rund 20 Jungs, die weiterhin zur Verfügung standen, hätten angepackt und alles möglich gemacht. Auch Sascha Wein zeigte sich begeistert von dem, was dieses Team an diesem Nachmittag geleistet hatte. Er sei ohne große Erwartungen mitgefahren und würde dieses Erlebnis jederzeit wiederholen.
Ein Saisonabschluss, der in Erinnerung bleibt
Der X-PRESS beendet damit die Regionalliga-Saison mit fünf Siegen und fünf Niederlagen auf Tabellenplatz fünf. Vor allem aber verabschieden sich die Landsberger mit einem Spiel in die Sommerpause, das noch lange in Erinnerung bleiben dürfte. Allen Spielern, Coaches und Betreuern gebührt großer Respekt für diesen Einsatz und großartigen Saisonabschluss.
Wie die Rückfahrt im Mannschaftsbus ausgesehen hat? Man darf vermuten, dass es nicht ganz leise geblieben ist.
Wir wünschen der gesamten X-PRESS-Family einen schönen und erholsamen Urlaub, allen Verletzten eine schnelle Genesung und freuen uns jetzt schon auf die nächste Saison!
GO BIG GREEN!
Text; Dietrich Limper